Die Gesellschaft verändern? Oder: Die Kunst, einen Tanker zu wenden.

Die Gesellschaft verändern? Oder: Die Kunst, einen Tanker zu wenden.

Meine neunzehnjährige Tochter ist meines Erachtens eine recht untypische Vertreterin ihrer Generation: sie ist gesellschaftspolitisch sehr interessiert. Leidenschaftlich vertritt sie feministische und antirassistische Thesen und setzt sich für die LGBTQ*-Community ein, ohne sich dieser explizit zugehörig zu fühlen. Beinahe täglich führe ich mit ihr Gespräche über diese Themen. Um Diskussionen handelt es sich dabei eher weniger, weil wir im Grundsatz einer Meinung sind.

Regelmäßig gelangen wir bei diesen Gesprächen an einen Punkt, der uns ratlos das Gespräch beenden, ja geradezu abbrechen lässt: Die Frage, wie es zu schaffen sei, dass ihre/unsere Überzeugungen nicht die geistige Onanie einer selbstdefinierten Avantgarde bleiben, sondern zu einem nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel führen können, entzieht sich einer einfachen Antwort. „Warum?“, werden sich jetzt wohl die meisten Leser*innen fragen. „Es reicht doch, an Positionen mit Entscheidungskompetenz zu gelangen und von dort aus die eigenen Überzeugungen zu implementieren.“ Doch ist das so?

Sicher, wenn Menschen, die etwas verändern wollen, an die Macht kommen, versuchen sie in der Regel, ihre Agenda umzusetzen. Gesetze werden erlassen, Kampagnen gestartet, Bildungspläne werden entsprechend angepasst usw. Eigentlich sollte dadurch das Gemeinwesen strukturell erneuert werden. Und doch können wir feststellen, dass das in der Geschichte, wenn überhaupt, fast immer nur in Ansätzen funktioniert hat und vorrangig im Hinblick auf solche Themen, die ohnehin schon mehrheitsfähig oder der Bevölkerung im Grunde egal waren. Beispiele hierfür sind einerseits der recht erfolgreiche Kampf für den Nichtraucherschutz und damit einhergehend gegen das Rauchen und andererseits die gescheiterte Prohibition in den USA. Selbst in dem Land mit den meisten Rauchern weltweit, Indonesien, rauchten im Zeitraum 2009 – 2015 weniger als die Hälfte der Bevölkerung ab 15 Jahren.

Zudem haben bereits in den Zeiten vor den umfassenden Rauchverboten in öffentlichen Gebäuden und Gaststätten auch viele Raucher die durch den Qualm verursachte schlechte Luft und die noch am Tag danach stinkende Kleidung als unangenehm empfunden und sind ihrer Passion oder Sucht freiwillig auf dem Balkon, der Terrasse oder sogar vor der Haustür nachgekommen. Die nicht rauchende Bevölkerungsmehrheit fühlte sich in der Regel ohnehin seit jeher durch den Tabakrauch belästigt. Die Gesetze zum Schutze der Nichtraucher haben also offene Türen eingerannt. Insbesondere das Verschwinden der Omnipräsenz des Tabakqualms aus dem Alltag dürfte auch maßgeblich dazu beigetragen haben, dass der Anteil rauchender Jugendlicher deutlich rückläufig ist, was sich wiederum positiv auf die Akzeptanz der Nichtraucherschutzgesetze auswirken dürfte.

Ein anderes Bild zeigt sich bei der Prohibition: Als die USA am 16. Januar 1920 den 18. Zusatzartikel zur Verfassung ratifizierten, der Herstellung, Verkauf, Transport, Import und Export „berauschender Flüssigkeiten“ in (bzw. aus) den USA verbot und unter Strafe stellte, ahnte wohl keine der für dieses Verbot verantwortlichen Personen, dass dieses nicht nur nicht von Dauer sein, sondern auch vielfältig unterlaufen und zum Entstehen einer blühenden organisierten Kriminalität beitragen würde. Was war schief gelaufen? Die Antwort ist ganz einfach: es fehlte der Rückhalt in der Bevölkerung. Der Verzicht auf Alkohol war nicht mehrheitsfähig, all die Kampagnen und Marketingaktionen der Prohibitionsbefürworter hatten nicht ausreichend gefruchtet.

Was lernen wir aus diesen beiden beliebigen, aber typischen Beispielen? Die Gesellschaft ist wie ein träger Tanker, es bedarf langwieriger und sicher auch mühsamer Überzeugungsarbeit, bis neue Regeln nachhaltig erfolgreich implementiert werden können, bis sich neues Denken durchsetzt, bis die Gesellschaft sich verändert. Gesetze und Regeln können einen Rahmen schaffen, sicher. Aber ob dieser Rahmen das Verhalten der Bevölkerung wirklich ändert oder ob die jeweiligen Gesetze nicht unterlaufen werden, hängt davon ab, ob die neuen Regeln wirklich mehrheitsfähig sind. Das gilt insbesondere dann, wenn sich die Mehrheit der Menschen davon berührt fühlt. Jetzt mag man einwenden, dass ja schließlich in einer Demokratie die Mehrheit (zumindest der Wahlberechtigten) die Regierung bestimmt und damit doch die Akzeptanz der von eben dieser Regierung erlassenen Gesetze gewährleistet sein müsste. Doch ist es zumeist so, dass die Programme von Parteien das gesamte gesellschaftlich relevante Themenspektrum umfassen, also Innen- und Außenpolitik, Umwelt- und Kulturpolitik, Bildungspolitik etc. Wahlentscheidungen werden aber doch in den meisten Fällen danach gefällt, welche Partei im Großen und Ganzen am ehesten die eigene Meinung vertritt, manchmal sogar nach Positionen in Einzelfragen.

Es ist also ganz und gar nicht garantiert, dass alle Positionen einer von der Mehrheit gewählten Partei wirklich mehrheitsfähig sind. Ohne massive Aufklärungsarbeit werden viele gesellschaftliche Reformen daher dasselbe Schicksal wie die Prohibition in den USA erleiden und auf der Ebene des individuellen (Zusammen-)Lebens ausgebremst oder gar ausgehebelt werden. Letztlich bleibt als Konsequenz, dass es als gesellschaftliche und politische Teilhabe nicht ausreicht, sich als Wähler oder Wählerin zu betätigen. Wenn uns Themen am Herzen liegen, müssen wir uns engagieren, nicht unbedingt im Sinne einer politischen Karriere – diese führt dann doch wieder in die Stratosphäre der elitären Abgehobenheit, sondern wir müssen in unserem Alltag, in unserem Bekanntenkreis, in der Arbeit, quer durch unser gesamtes Lebensumfeld unsere Meinung äußern, sie begründen, Überzeugungsarbeit leisten und den gesellschaftlichen Wandel vorleben. Dann und nur dann haben wir die Chance, dass der schwerfällige Tanker Gesellschaft die Richtung ändert.