Der weiße Klappstuhl

Der weiße Klappstuhl

Sie stellte die volle Caffettiera auf die Holzplatte des Tisches. Dann rückte sie sich den weißen Klappstuhl aus der Schlafkammer zurecht und setzte sich wieder zu ihm. Gianni, ihr Mann, stapelte die Teller, mit Spuren von Rigatoni und Pesto, legte sämtliches Besteck darauf und stellte alles in die Mitte des rechteckigen Möbels. Die Tassen, ein Teil ihrer Aussteuer, hatten geduldig das Essen über neben den Tellern gewartet. Er verteilte die schwarze dampfende Flüssigkeit, nahm sich zwei Löffel Zucker aus einer Alubüchse und sprach weiterhin kein Wort. Die Zeit verrann hörbar, getragen vom gleichmäßigen Schlürfen der beiden.

Bianca brach das Schweigen erst, als beide Tassen leer waren: „Warst du heute bei Don Pietro?“ – „Ja.“ Seine Antwort kam zögernd, fast mürrisch, doch sehr verlegen. Wieder schwiegen sie.

Sie stellte die Tassen ineinander. Dann fragte sie sehr bestimmt: „Was hat er von dir gewollt?“ – „Wer?“ fragte er zurück und stand auf, um das gestapelte Geschirr und die Kaffeetassen zur Spüle zu tragen. „Na: Don Pietro!“ Sie klang ärgerlich, ob des Zögerns ihres Mannes. Er antwortete nicht, nahm die inzwischen erkaltete Kanne und trug auch sie zum großen Waschbecken ihrer Wohnküche.

„Don Pietro“, wiederholte sie, „was er von dir gewollt hat, hab ich dich gefragt; bist du taub? Sag mal!“ – „Gar nichts hat er gewollt. Ich hab ihn um mehr Lohn gefragt…“ – „Und?“ „Was und? Nichts und! Er hat mich ausgelacht.“ – „Heilige Maria! Dieser Kretin! Bastard! Du solltest zur Gewerkschaft gehen! Immer wieder hab‘ ich zu dir gesagt: Geh zur Gewerkschaft! Madonna!“ – „Zu den Kommunisten? Nein, ich geh nicht zu den Kommunisten! … Und die anderen taugen nichts!“

Sie drehte sich, um ihm in die Augen sehen zu können. Er stand, leicht angelehnt, mit dem Rücken zur Spüle. Ihre Blicke trafen sich. „Wie schnell das gegangen ist“, dachte Gianni. „Als wir verheiratet wurden, waren wir beide fast noch Kinder. Jetzt reden wir fast schon wie die Alten. Nach nur zwei Jahren…“ Bianca bemerkte den abschätzenden Blick, mit dem ihr Mann sie betrachtete. Sie wusste, was nun kommen würde: „Ich muss abspülen“, sagte sie, stand auf und schob ihn beiseite. Gianni machte ihr beleidigt Platz.

Sie war wütend: Auf Don Pietro, dass er ihren Mann so schlecht bezahlte, auf Gianni, dass er zu feige oder einfach nur zu dumm war, sich dagegen zu wehren, und auf sich selbst, weil sie es nicht fertigbrachte, ihm die Meinung zu sagen. ‘Ich bin neunzehn’, dachte sie ‘und bin doch schon so alt… Die meisten aus der alten Klasse sind so unbeschwert, so jugendlich. Warum nicht auch ich? Weil ich verheiratet bin? Mein Gott! Ich liebe ihn doch nicht einmal. Und er glaubt, Liebe bestehe nur aus Bett und was zu essen…’ – ‘… wie sie mich ansieht…’ Gianni war ärgerlich geworden, ‘ich bin schließlich ihr Mann! Und so habe ich doch ein Recht auf sie! Und dieser Blick! Nicola schlägt seine Frau, wenn sie sich ihm verweigert! Was will sie denn überhaupt! Sie soll doch froh sein, dass ich nicht so blöd bin wie die anderen, Nicola, Giuseppe, Alfredo…’ ‘Er ist eben auch nur ein Macho, wie seine ‚Freunde‘! Nur dass er zu viel Angst hat, um wirklich gewalttätig zu werden. Wahrscheinlich fühlt er sich auch noch als Wohltäter…’ – Bianca nahm ein Geschirrtuch von seinem Haken und begann das, was sie eben gespült hatte abzutrocknen. ‘Wenn ich glücklich bin, dann will ich lieber tot sein, als jemals unglücklich zu sein.’

Gianni schaltete das alte Kofferradio ein. ‘Verdammt nochmal, ich verstehe sie nicht… sie ist so undankbar. Wir haben hier zu zweit eine Zweizimmerwohnung. Und ich verdiene im Grunde genommen genug!’ Er sah die Sportzeitung auf dem Regal, auf dem auch der Radio stand, liegen, nahm sie, setzte sich wieder an den Tisch und begann lustlos, fast widerwillig zu lesen.

Bianca trocknete die Caffettiera, stellte sie auf den alten Gasherd mit den drei Kochstellen, sie würde die Kanne beim morgigen Frühstück brauchen, und blickte sich dann wie hilflos suchend um sich. Sie war ein Mensch, der niemandem lange böse sein konnte. Obgleich wusste sie, dass morgen wieder ein trostloser Tag in diesem Loch mit Schimmel an den Wänden auf sie zukommen würde. Und Gianni war wohl unfähig, sich jemals wirklich zu ändern. Und sie fühlte sich noch so jung… viel zu jung für eine Ehe, die sie zur Stupidität in ihrer verfallenden Altbauwohnung verdammte. Sie nahm ein Glas und eine Flasche Grappa aus dem Wandschrank, stellte beides auf den Tisch, an dem Gianni, immer noch lustlos, in der Zeitschrift blätterte. Dann rückte sie sich den weißen Klappstuhl zurecht und setzte sich wieder zu ihm.