Nicht Kinder brauchen Erziehung, sondern die Gesellschaft will erzogene Kinder!

Nicht Kinder brauchen Erziehung, sondern die Gesellschaft will erzogene Kinder!

1975 erschien Ekkehard von Braunmühls Buch „Antipädagogik“, in dem er (vereinfachend zusammengefasst) erklärte, dass jede Art von pädagogischem Handeln ein unzulässiger Eingriff in die Freiheit und Rechte von Kindern darstelle, da bei der Entwicklung eines Menschen Gefühle auschlaggebend seien und nicht Verstandes- oder Vernunftsprozesse. Jeder Mensch sei schließlich von Geburt an in der Lage, auf Grundlage von Emotionen und Intuition zu wissen, was gut für ihn ist. Dieses Buch, das im Grunde eine konsequente Weiterentwicklung reformpädagogischer Ideen darstellt, wurde zur Basis einer erzieherischen – oder besser: nicht erzieherischen – Schule der Pädagogik, die weitgehend gleichlautend wie der Buchtitel als „Antipädagogik“ bezeichnet wird.

Letztlich setzte sich diese radikale Denkweise – wie zu erwarten war – nicht durch. Einige Ideen und Aspekte fanden aber Eingang in andere pädagogische Theorien, die bisher immer noch als aktuell gelten dürfen. So finden sich Ideen von Braunmühls in der sogenannten personenbezogenen Pädagogik, die dem Kind maximale Freiheit darin lässt, zu Inhalt und Umstände ihres Lernens zu wählen und damit auch, wenngleich deutlich abgeschwächter, in der hochaktuellen konstruktivistischen Pädagogik, die ebenfalls das Kind als aktiven Part in den Mittelpunkt des Erziehungsprozesses stellt. Letztere begründet diese Haltung zwar nicht wie von Braunmühl mit der Aussage, das Kind müsse letztlich nichts von anderen Menschen lernen, sondern mit der Erkenntnis, dass jedes Lernen nur ein innerer, selbstgesteuerter und konstruktiver Prozess des Kindes sein könne, das ändert aber nichts daran, dass im Endeffekt ähnliches gefordert wird.

Diese Forderung ist meines Erachtens tatsächlich pädagogisch sinnvoll. Ebenso wenig, wie im Unterricht die Methode des Nürnberger Trichters funktioniert, also der Ansatz, dass ich den Schüler*innen Wissen einfach nur lange und intensiv genug vorbeten muss, dann werden sie es schon irgendwann verinnerlicht haben, genauso wenig funktioniert Erziehung durch Aufklärung und gutes Zureden. Wenn ein Kind neugierig, interessiert und offen für Wissen oder die eigene sittliche Bildung ist, dann klappt es sicherlich. Aber in diesem Fall kommt der Anstoß eben vom Kind und nicht von den pädagogisch Verantwortlichen. Diese reagieren dann doch nur auf die explizite oder auch unausgesprochene Anfrage des Kindes. Gegen den Willen eines Kindes jedoch kann niemand auf dieser Welt Wissen oder Verhaltensvorschriften, geschweige denn Haltung und Moral in das Kind implantieren. Diese scheinbar „renitenten“ Kinder lernen nur durch Konsequenzen.

Wenn Kinder (auch später als Erwachsene) im Laufe ihres Lebens mit ihrem Verhalten und ihren Ansichten gleichsam gegen gesellschaftliche oder natürliche „Betonmauern“ rennen und sich dabei seelisch (manchmal auch körperlich) verletzen, dann lernen sie, weil sie, um ihren eigenen Bedürfnissen gerecht werden zu können, ihr Verhalten anpassen bzw. ihre Vorstellung von der Welt ändern müssen. Diese Betonmauern können sie nicht umrennen: Weder die Gesellschaft, noch die Natur wird sich ändern, nur weil ich es jetzt gerade so will. Wenn ich jemanden aus heiterem Himmel schlage, dann wird die Gesellschaft mit (für mich mit ziemlicher Sicherheit unangenehmen) Konsequenzen antworten und, auch wenn ich noch so sehr mich heulend auf dem Boden wälze, ich werde sicher weder ohne technisches Gerät jemals fliegen können, noch dauerhaft dem Tod entrinnen.

Dieses Lernen ist schmerzhaft. Manchmal so schmerzhaft, dass Kinder lange, manchmal ein Leben lang unter den gemachten Erfahrungen leiden. An dieser Stelle kommt nun, wenn man kein Anhänger eines „was uns nicht umbringt, macht uns hart“ ist, die Verantwortung der Erziehenden ins Spiel: es ist ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Kinder aus den gemachten Erfahrungen lernen können und weder dabei sterben, noch dabei zerbrechen. Ersteres ist relativ simpel: Eltern, Erzieher, Lehrer sollten Kinder, denen logischerweise die Erfahrung fehlt, um Gefahren realistisch einschätzen zu können, von lebensgefährlichen Handlungen abhalten. Zum Glück liegt es in der Natur des Menschen, dies bei anderen, egal welchen Alters, tun zu wollen – jedenfalls, wenn man ihnen nichts Schlechtes wünscht. Doch wie kann man dafür sorgen, dass jemand durch noch so schmerzhafte Erlebnisse lernt und reift und keine (jedenfalls keine längerfristigen) negativen Folgen davonträgt? Die Antwort liefert das Prinzip der Resilienz, der psychischen Widerstandsfähigkeit – also der Ausbildung eines gesunden seelischen Immunsystems. Eine der wichtigsten Personen der Resilienzforschung, Emmy Werner, hat – vereinfacht ausgedrückt – das Empfangen positiver Zuwendung und das Vorhandensein einer verlässlichen Bezugsperson als wichtigste Bedingungen für die Entwicklung einer gesunden psychischen Stabilität ausgemacht. Kinder müssen die Gewissheit haben und immer wieder erfahren, dass – egal was sie tun – es Menschen gibt, die ihnen positiv zugewandt sind und die zu ihnen halten. Dies Kindern und Heranwachsenden zu geben und zu gewährleisten sollte, neben einer notwendigen Gefahrenabwehr, die erzieherische Hauptaufgabe von Eltern, Pädagogen und auch der Gesellschaft als Gesamtheit sein.

Warum ist Erziehung eine gesellschaftliche Aufgabe? Warum schreibe ich überhaupt wieder von Erziehung, obwohl doch weiter oben steht, dass eine Erziehung im Sinne einer Formung des Kindes gar nicht möglich ist – jedenfalls, wenn das Kind es nicht ohnehin selbst will und vor allem in der Trotzphase und in der Pubertät verweigern sich bekanntermaßen viele Kinder allen pädagogischen Bemühungen? Dieser scheinbare Widerspruch löst sich leicht auf: Es sind vor allem die gesellschaftlichen Regeln und Grenzen, also die von uns Menschen gebauten „Betonmauern“, die Kindern mehr oder weniger schmerzhafte Erfahrungen bereiten, aus denen sie dann lernen. Die Tatsache, dass auch Kinder gegen diese Wände rennen, rührt daher, dass die Gesellschaft ihre Regeln, die sie für ihr Funktionieren aufgestellt hat, auch für Kinder aufrecht erhält und erwartet, dass Kinder lernen, diese Regeln zumindest zu respektieren, wenn nicht sogar sie zu verinnerlichen. Kinder, die irgendwo fernab jeder modernen Zivilisation aufwachsen haben andere Betonmauern, an denen sie sich stoßen können, als europäische Kinder. Jedes Lernen ist großenteils gesellschaftlich beeinflusst. Kinder müssen nur deswegen erzogen werden, damit sie in der Gesellschaft zurechtkommen und die Gesellschaft mit ihnen als Mitgliedern weiterhin funktioniert, nicht weil Kinder in jedem Fall Erziehung brauchen. Es sind also wir alle, die wollen, dass Erziehung funktioniert und da Kinder vor allem durch Erfahrung lernen, ist es unser aller Aufgabe, sie zu vor fatalem Fehlverhalten zu schützen und sie resilient zu machen, damit sie an jeder gemachten Erfahrung reifen und wachsen können.

Dieses Reifen und Wachsen sieht für jeden Menschen anders aus, abhängig von seinen Anlagen, seinem Umfeld und seinem persönlichen Schicksal; es ist aber ebenso für jeden Menschen letztlich (über-)lebenswichtig, denn dieser Prozess bildet den Menschen, führt ihn zu Mündigkeit und Autonomie.

Hiermit wären wir beim Begriff der Bildung. Fragt man zehn Pädagogen, was denn nun Bildung sei, erhält man mindestens 20 verschiedene Definitionen – es gibt keine Übereinkunft darüber. Im Kern haben aber alle unterschiedlichen Bildungsverständnisse eines gemeinsam: Bildung soll den Menschen dazu befähigen, ein gelungenes Leben zu führen. Außerdem ist mit „Bildung“ immer sowohl der Bildungsprozess, als auch das Ergebnis dieses Prozesses gemeint. Bildung schließt hierbei alle Faktoren ein, die dazu beitragen. Zur Bildung gehört also nicht nur der Unterricht, d.h. die Vermittlung von Sachwissen, sondern auch die Erziehung. Doch was heißt, „ein gelungenes Leben“ zu führen? Wer legt fest, wann ein Leben gelingt? Vordergründig tut dies natürlich jeder Mensch für sich. Träume wollen verwirklicht, Wünsche erfüllt und Vermächtnisse hinterlassen werden. Aber werden die Inhalte der Träume, Wünsche und Vermächtnisse nicht durch unsere Umwelt und die Gesellschaft, in der wir leben, nicht nur beeinflusst, sondern sogar maßgeblich bestimmt? Ich bin überzeugt, dass dem so ist. Umwelt und Gesellschaft liefern uns die Anregungen, Vorbilder und Vergleichsmaßstäbe, die wir für den Entwurf unseres Lebens benötigen. Und letztlich haben sie auch ein Quasi-Monopol, wenn man nicht nach einem Leben außerhalb des gesellschaftlichen Gefüges trachtet. Die Gesellschaft bestimmt also – teilweise aktiv und bewusst (Stichworte: PISA, Digitalisierung, weltanschaulich geprägter Unterricht usw.) – was wir für ein gelungenes Leben benötigen, was also Bildung ist und damit, wie Kinder erzogen werden sollen, damit sie funktionierende Mitglieder eben dieser Gesellschaft werden können und in ihr das Glück suchen. Nicht die Kinder brauchen also Erziehung, sondern die Gesellschaft will und braucht erzogene Kinder, um sich selbst zu erhalten.

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