Die Henkersmahlzeit

Die Henkersmahlzeit

L‘ Entrée.

Ich kenne ihn. Da bin ich mir sicher. Ganz sicher. Nur, woher? Ich habe ihn schon einmal gesehen … in der Zeitung oder im Fernsehen? Ich hasse es, wenn in mir schwammige Erinnerungen aufsteigen, die ich nicht fassen kann. Erinnerungen wie ein Mückenschwarm. Nicht zu verjagen und quälend. Ich kenne ihn und ich will wissen woher.

Ich weiß ja, wer er ist, wie er heißt, wo er wohnt, was er arbeitet und auch, was er im Moment macht. Er schiebt sich gerade eine weitere Gabel dieser göttlich-barocken Vorspeise in den Mund. Verzieht das Gesicht in geradezu orgasmischem Verzücken. Auf seinem wie auch auf meinem Teller liegen auseinander gefaltete Alufolien und auf diesen jeweils ein Trüffel von der Größe einer kleineren Kartoffel – oder was davon noch übrig ist. Trüffel, die es in sich haben. Sie wurden mit je einer Scheibe Foie Gras in der Folie gebacken, wobei die Leber schmolz und mit dem Pilz eine sündhafte geruchliche und geschmackliche Allianz, geradezu eine Amour fou der Aromen einging, vollendet von einer Prise Fleur de Sel. Sündhaft auch, was den Preis angeht. Doch der Gedanke an materiellen Besitz ist der natürliche Feind des Genusses und hat ganz sicher nichts an einem Esstisch zu suchen. Schon gar nicht bei einem Essen wie diesem.

Das Rezept hat der Koch von mir. Und ich habe es geklaut. Aus einem Buch. Trüffelträume. Ein kulinarischer Krimi von einem Engländer. Peter Mayle. Ich lese gern Krimis, zwischendurch. Und ich liebe Bücher über das Essen. Wenn beides zusammenkommt, lasse ich mir das natürlich nicht entgehen. Meistens sind die in solchen Büchern angeführten Rezepte Standards, aber hin und wieder findet sich eine Idee, ein kleines kulinarisches Wagnis, dem ich mich dann gerne ausliefere. Wie auch mein Gegenüber, Hannes Brettschneider, Diplom-Ingenieur und Unternehmer, der sein Esstempo immer mehr zu verlangsamen scheint, wohl um das Ende des Genusses zu verzögern. Meine Vorspeisenempfehlung war wohl ein Volltreffer. Ich freue mich für ihn. Es ist wichtig, sein Leben in jeder Sekunde zu genießen. Bis zum letzten Atemzug, wie man so schön sagt. Und es ist gut, dass mein Gast ganz im Hier und Jetzt sich der menschlichen Urleidenschaft des Essens und Trinkens hingeben kann, ohne auch nur eine Ahnung von der Zukunft zu haben, ohne einen Gedanken an die vorbestimmte Endlichkeit seines Lebens.

Es ist ein unmoralisches Essvergnügen, hier und heute. Das Menü, der Anlass, die Choreographie. Unmoralisch, aber ein würdiger Abschluss. Zum Sterben schön … Gott, ich werde kitschig.

Wir sprechen nicht während des Essens. Schon beim Horsd’œuvre verfiel mein Gast in eine stille Andacht. Danach, bevor die Trüffel serviert wurden, unterhielten wir uns über das Lokal mit seiner Bistrot-artigen Anmutung, mit der halbhohen dunklen Vertäfelung und den schlicht und sehr geschmackvoll gedeckten Tischen. Herr Brettschneider vermied jedes auch nur annähernd geschäftliche Thema. Nun, mir kann es nur recht sein – auch die beste Vorbereitung lässt Raum für Fehler. Außerdem kann ich derartige Gespräche beim Essen nicht leiden. Sobald der neue Gang serviert wurde, verstummten wir wieder. Wunderschön. So muss es sein.

Wir tunken mit frischem Brot das letzte Fett von den silberglänzenden Folien, in denen sich das Licht der unzähligen LEDs regenbogenfarbig bricht, die an metallenen Schwanenhälsen aus einer Kugel wimmelnd einen postmodernen Kronleuchter komponieren. Immer noch schweigend nehmen wir gleichzeitig die Gläser mit dem Gewürztraminer, einem Grand Cru Vendage Tardive, und trinken. Langsam. Schluck für Schluck. Ich denke nach, meditiere fast, über den eben beendeten ersten Sinnesrausch.

Foie Gras – Gänsestopfleber. Ein wirklich wunder Punkt. Hier kommt zum barocken Exzess ein strenger Beigeschmack. Nicht, dass ich kein Verständnis hätte für die Lust an der Folter und – na ja, zumindest theoretisch – am gefoltert werden. Aber Enten oder Gänse zu stopfen, ist nun einmal Folter an Tieren. Nationales französisches Kulturgut zwar, aber dennoch. Und Tiere wie auch Kinder sind zu Recht nicht satisfaktionsfähig: sie sind wehrlos. Sie zu quälen ist eine mehr als zweifelhafte Grundlage für Genuss. Darum vermeide ich Foie Gras. Ebenso wie ich jedem der Kochkollegen, denen ich durch meine Kritiken zu wirtschaftlichem Erfolg verhelfe, unmissverständlich klar mache, dass ich sie in Grund und Boden schreibe, wenn sie bei der Auswahl ihrer Zutaten nicht auf das Lebensglück der Tiere achten.

Bei Stopfleber bleibt mir leider nichts anderes übrig, als sie zu akzeptieren. Sie wird nun einmal verlangt. Und sie ist wirklich ein Diamant im Juwelenladen der Kochkunst – ein Blutdiamant. Nur zu diesen ganz besonderen Anlässen, diesen wirklich letzten Gelegenheiten gönne ich sie mir und meinen Gästen, so wie heute dem immer noch selig entrückten Herrn Brettschneider, hier im Franzosenstüble in Stuttgart Rotebühl. Was für ein unpassender Name, aber was für eine betörende Küche!

Die Teller werden abgeräumt. Ich merke, dass meine Hand unwillkürlich in die rechte Pattentasche meines Jacketts geglitten ist, wo die Finger mit dem kleinen Zerstäuber spielen, der mir schon so oft wertvolle Dienste geleistet hat und auch heute den erfolgreichen Abschluss meines Auftrags garantieren wird. Devil’s Breath, der Atem des Teufels, der heute wieder ein Vorbote des Todes sein wird. Für mich eine Mahnung, jetzt zu leben und damit ein Wegbereiter für Genuss und Leidenschaft. Denn jedes Genießen verlangt, dass man los- und sich fallen lässt. Ohne Hingabe gibt es keine Erfüllung – nicht in der Liebe, nicht in den Künsten – und auch nicht beim Essen.

„Herr Reine, sie sehen mich nach Worten ringen. So etwas Überirdisches habe ich noch nie zuvor gegessen!“ Brettschneider sieht mir tief in die Augen. „Die reine Verbindung von Trüffel und Foie Gras, ohne jede geschmackliche Ablenkung, hat etwas Episches, finden Sie nicht? Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich gerne den geschäftlichen Teil unserer Verabredung nach dem Essen erledigen. Es ist meines Erachtens ein Sakrileg, ein gutes Essen mit so etwas Profanem wie Diskussionen um Geld zu entweihen.“ Er lächelt.

Wow. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich lächle zurück. „Natürlich. Sie rennen bei mir offene Türen ein. Essen ist meine wichtigste Zen-Meditation. Wenn ich es tue, will ich es ganz tun – oder gar nicht.“

Brettschneiders Augen lachen mich an. „Exakt. Und zwischen zwei Gängen sollte es nur ein Gesprächsthema geben …“

„ … Das Essen!“, vollenden wir gleichzeitig den Gedanken.

Seltsam. Ich fühle mich beschwingt. Es ist lange her, dass ich mit einem Menschen zu Tisch saß, der mir derart aus der Seele sprach. Und bei einer dieser so speziellen Mahlzeiten, zu denen ich – mir im Grunde wildfremde – Männer und Frauen einladen darf, damit ihnen einmal noch im Leben etwas Gutes widerfährt, bei einer dieser Gelegenheiten ist mir das noch nie passiert.

Die folgenden Minuten sprechen wir wenig, lächeln beide vor uns hin, widmen uns der würzig-süßen Opulenz des Weißweins bis die Flasche leer ist und uns schließlich die nächste Runde sinnlicher Lust serviert wird, wahrer Fleischeslust.

Le Plat Principal.

Auch hier ist Herr Brettschneider meiner Empfehlung gefolgt und so trifft uns beide die geballte olfaktorische Wonne eines Lamm-Cassoulets mit Merguez an weißer Polenta wie Heroin den Süchtigen, wenn er die Staubinde entfernt und die Droge in den Kreislauf freigibt. Ich jedenfalls atme schier benommen immer tiefer diesen erdig-würzigen Duft ein, den der Kreuzkümmel aus der maghrebinischen Wurst umspielt und dem jedes Böckeln fehlt. Lamm, wie ich es liebe.

Langsam beginnen wir zu essen. Eine leichte sexuelle Erregung beginnt meine Hose zu füllen und meinen Herzschlag zu beschleunigen – wie immer, wenn ein intensiver Geschmack, von Ikeda Kikunae als Umami bezeichnet, meinen Sinneszellen keine Luft mehr lässt zu verschnaufen und keine Zeit dazu, sich beruhigenden Ablenkungen zuzuwenden.

Meinem Gast scheint es ähnlich zu ergehen. Zwei kleine Schweißperlen glitzern auf seiner Kopfhaut, seine Augen glänzen feucht, während sein Gesicht auf mich zutiefst glücklich wirkt. Wunderbar. Das habe ich wirklich gut gemacht. Es gibt nur einen schöneren Tod als mit der frischen Erinnerung an ein hervorragendes Essen zu sterben: während des Orgasmus in den Armen eines geliebten Menschen seinen letzten Atemzug zu stöhnen.

Wenn ich mich nur erinnern könnte, woher er mir so bekannt vorkommt. Egal. Sollte ich noch darauf kommen, gut. Wenn nicht, auch gut. Ich will einfach nur das wunderbare Abendessen genießen und danach meine Arbeit erledigen. Irgendwie ja ein Jammer. Da treffe ich endlich jemanden, der so zu denken scheint wie ich, meine größte Leidenschaft nachempfinden kann, ja sogar ähnliche Marotten hat wie ich und was mache ich? Ich sorge dafür, dass dieser Abend sich nicht wiederholen wird. Nach dem Essen, wenn wir zum ‚geschäftlichen Teil‘ des Abends übergegangen sind, auf den ich mich in der vergangenen Woche gut vorbereitet habe, werde ich ihm eine ausreichende Dosis meines ‚teuflischen Atems‘ verabreichen, auch als Scopolamin bekannt. Ich werde sie ihm in sein Getränk geben, er wird mich widerstandslos in das Hotelzimmer begleiten, das ich auf seinen Namen gemietet habe und dort wird er sich erhängen. Unwillkürlich seufze ich, was mir sofort einen fragenden Blick meines Gastes einbringt. Ich setze einen verträumten Blick auf, deute meinen Seufzer zu einem Ausdruck wohliger Wonne um und lächle. Seine Augen signalisieren Verständnis. Reiß dich zusammen, Jacques! Sentimentalität bringt dir nur Probleme.

Wir trinken einen Minervois der Domäne Parazols-Bertrou und ich nehme einen großen Schluck, weniger um den Gaumen für die nächsten Bissen zu befeuchten, denn das hat das Cassoulet definitiv nicht nötig, sondern eher um meine Gedanken wieder auf das hier und jetzt, auf das Essen – diesen prächtigen Hauptgang – zu konzentrieren.

Ich liebe ja alle möglichen Arten von Eintopf, aber für ein gutes Cassoulet lasse ich fast alles stehen. Und wenn, wie hier, die Aromen des Lamms und der nordafrikanischen Gewürze den ohnehin voluminösen Geschmack dieses traditionellen Gerichts aus dem Languedoc weiter bereichern und intensivieren, dann komme selbst ich an meine Grenzen bei der Beschreibung der Empfindungen die mich im Moment überkommen. Die weißen Bohnen haben eine beinahe cremige Konsistenz, verbinden sich mit Lamm und Gänseconfit zu einer Symphonie abgerundeter Deftigkeit. Die Würste, Saucisson und Merguez, bilden würzig-definierte Kontrapunkte. Brettschneider schmatzt leise. Vollkommen legitim! Auch meinem Mund entweicht das eine oder andere Geräusch des Wohlbefindens. Anders kann man dieses Gericht nicht angemessen verspeisen.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut französische Gerichte nicht nur im Land meiner Herkunft und Geburt, sondern auch in meiner neuen Heimat östlich des Rheins schmecken. Kochkunst als Keimzelle der europäischen Einigung – ein im wahrsten Sinn köstlicher Gedanke. Eigentlich naheliegend, ich bin schließlich Lothringer. Wir waren schon immer völkerverbindend, auch mit unserem Essen.

Ich erinnere mich an eines dieser speziellen Diners, in einem kleinen Hotel in der Cité von Carcassonne, auf der Place du Château. Ich hatte ebenfalls Cassoulet, ohne Lamm, dafür mit Rebhuhn. Vorzüglich, keine Frage, aber es fehlte dieses gewisse Etwas, das Mehr an Köstlichkeit. Mein damaliger Gast, ein Einheimischer in den Vierzigern, Sohn von PiedsNoirs, den Algerien-Franzosen, zeigte leider keinerlei Interesse für die örtliche Kulinarik. Er aß Steak Frites und trank Bier. Sein Verhalten hätte beinahe mein Verhältnis zu Carcassonne, dieser mittelalterlichen Perle, mit Misstönen befleckt. Selten hat mich jedenfalls die Arbeit nach dem Essen so befriedigt.

Brettschneider verteilt den Rest des Rotweins auf unsere Gläser. Die Teller sind leer, jeder Rest des Cassoulet wurde von einem Stück frisch gebackenen Landbrots aufgenommen und verzehrt.

„Ich hätte nie gedacht, hier, mitten im Schwäbischen, eine so perfekt zubereitete französische Landküche genießen zu können.“

Mein Gast spricht aus, was ich gerade gedacht habe und ich stimme ihm zu: „Sie haben recht. Traditionell und doch modern. Die Polenta als Beilage zu reichen, ist gewagt, vielleicht auch ein Zugeständnis an deutsche Essgewohnheiten, auf jeden Fall aber gelungen.“ Ich fürchte, meine Begeisterung könnte Brettschneider irritieren, aber er

nickt. „Ich war einmal in Lothringen, in Montenach, in einem kleinen urtümlichen Restaurant“, fährt er fort und ich unterbreche ihn: „Meinen sie die Auberge?“ – „Ja. Kennen Sie sie?“ – „Selbstverständlich“, sage ich, „ich bin nicht weit davon aufgewachsen und wir haben einige unserer Familienfeste dort gefeiert“. Und ich hatte dort zwei meiner speziellen Geschäftsessen. Aber das brauchst du nicht zu wissen. Deine Einladung ist hier in Stuttgart.

„Ich liebe das Essen dort. Der Wildschweinpfeffer zum Beispiel oder die Entenbrust. Alles unverfälscht, alles perfekt zubereitet. Genial!“ Brettschneiders Stimme schwankt zwischen Träumerei und Überschwang.

Meine Gäste zeigten damals keinerlei Begeisterung. Sie fanden das Angebot zu deftig. Alleine das halte ich für einen ausreichenden Grund, sterben zu müssen. Wenn ich darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass sich bisher niemand auch nur annähernd dem Geschenk letzter lukullischer Genüsse so angemessen und würdig gezeigt hat, wie Hannes Brettschneider. Nein. Ich muss mich korrigieren. Elena schon, die wunderschöne Elena … Ehefrau eines miesen kleinen Regionalpolitikers aus der Basilicata. Ihr Mann wollte Platz schaffen für eine Neue. Da er als guter Katholik und christlicher Abgeordneter nicht das Gericht bemühen konnte, musste ich die Scheidung durchführen. Mir ist nie gelungen herauszufinden, woher er meinen Namen hatte. Ich arbeite normalerweise nicht in Italien. Die haben dort genug eigene Spezialisten. Ich lebte zu dieser Zeit zwar in Rom, schrieb für einige deutsche und französische Zeitschriften Restaurantkritiken, hauptberuflich bewegte ich mich aber nur in meinem angestammten Gebiet zwischen den Pyrenäen und der Ostsee, zwischen dem Ijsselmeer und dem Alpenhauptkamm. Für Elena machte ich eine Ausnahme, die einzige bisher. Sie nutzte das Essen in einem idyllischen Restaurant in der Via Due Torri in Potenza, um mich zu verführen. Ich verzichtete darauf, ihr das Scopolamin zu verabreichen. In einem kleinen Hotel zwei Straßen weiter gaben wir uns der anderen Leidenschaft hin, die mir mein Leben lebenswert macht. Als sie eingeschlafen war und ich ihr glückliches Lächeln sah, fiel es mir leicht, dafür zu sorgen, dass ihr momentanes Glück zu einem immerwährenden wurde. Als ihr Mann die verkohlte Leiche anhand des Schmucks und den Resten der Handtasche identifizierte, brach er filmreif zusammen. Ein halbes Jahr später konnte ich in La Gente Bilder seiner zweiten Hochzeit bewundern. Doch ich nahm fast ein Jahr lang keinen Auftrag mehr an. Nur, um weiterhin im Geschäft zu bleiben, fing ich wieder an, mir Gäste zu ihrer Henkersmahlzeit einzuladen.

Les Cigarettes.

Der Chef de Rang kommt selbst an unseren Tisch, um abzuräumen und um unser Lob mit ernster, aber stolzer Miene entgegenzunehmen. Wir geben ihm unsere Kaffeewünsche für das Dessert mit.

Brettschneider macht Anstalten aufzustehen. „Ich muss mich für einen Augenblick entschuldigen.“

Ich ziehe das Päckchen Gitanes aus der Jacke. „Kein Problem. Ich werde die Zeit nutzen, meiner Drogensucht nachzugehen.“

Brettschneider lacht und geht Richtung Toilette.

Ich zeige die Zigaretten erklärend dem Ober, der sich im Hintergrund hält, aber beständig unseren Tisch im Blick hat, um auf die geringste Geste der Aufforderung unsererseits zu uns eilen zu können, und gehe vor die Tür auf den Bürgersteig. Das Nikotin bringt meinen unter dem gefüllten Magen und dem Alkoholspiegel leidenden Kreislauf wieder in Schwung. Ich brauche einen klaren Kopf für nachher, für die Arbeit, die bei mir eben nach dem Vergnügen kommt.

Diese Arbeit ist für mich kein Job, sondern Berufung. Es gibt weiß Gott schlimmere Arten, sein Geld zu verdienen. Und von selbst füllt sich die Brieftasche nicht.

Ein fantastisches Essen heute. Gutes Essen ist meine Leidenschaft – das Kochen meine Enttäuschung. Ich bin eben nicht gut genug, um damit ein Leben finanzieren zu können, wie ich es führe und ganz sicher auch weiter führen will. Darum koche ich auch nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr für andere. David und sein Team machen das in meinem kleinen Coq Roux ganz gut. Das Restaurant trägt sich, wirft hin und wieder etwas ab. Und die Honorare für die Kritiken geben dem Finanzamt genug Futter, um meinen Lebensstil nicht mit Blick auf mein Einkommen zu hinterfragen.

Warum aber immer wieder dieses Risiko eingehen? Berufung hin oder her … Was das Geld angeht, ließen sich sicher Alternativen finden. Dieser Auftrag fühlt sich jedenfalls nicht richtig an.

Nein, ich muss jetzt damit aufhören. Kein Trübsinn, kein Hinterfragen mehr! Ich habe den Auftrag angenommen, die Anzahlung kassiert und somit muss ich liefern. Und das werde ich. Heute Abend. Punkt. Es bleibt mir auch gar nichts anderes übrig.

Aber ausgerechnet den Brettschneider? Der erste seit Elena, bei dem ich nicht das Gefühl habe, ich werfe das Geld für seine Portionen zum Fenster hinaus? Jetzt wäre auch ein guter Zeitpunkt aufzuhören. Ich habe inzwischen so viel mehr Geld kassiert, als ich ausgeben konnte, dass ich für die nächsten zehn Jahre ein gutes Leben führen könnte, auch ohne jegliche Einnahmen. Denn das Coq Roux und die Kritiken kann ich mir nach einem Ausstieg abschminken: Dann heißt es untertauchen und zwar zügig. Sehr zügig. Ich habe ihnen die Erledigung des Auftrags bis Ende des Monats zugesagt, das ist in neun Tagen. Spätestens dann müsste ich es geschafft haben, nicht mehr auffindbar zu sein. Ich weiß, dass ich das hinkriegen würde. Nur, will ich das? Verdammt, ich weiß es nicht.

Ich muss wieder hinein. Brettschneider fragt sich bestimmt schon, wo ich bleibe.

Als ich die Tür vom Windfang zum Gastraum öffne, wird mein Blick auf eine rasche, entschlossene Bewegung in einem Wandspiegel gelenkt. Ich erkenne unseren Ober, der sich von unserem Tisch auf mich zu bewegt und den Rücken meines Gastes, der gerade die Hand von meiner Seite des Tisches zurückzieht. Was war das denn?

Le Dessert.

Am Tisch angekommen sehe ich, dass unsere Kaffees eben serviert wurden. In der Mitte des Tisches stehen ein kleiner Teller mit Petits Fours und ein silberner Zuckerbehälter. Brettschneider rührt in seinem doppelten Espresso. Ah, er trinkt seinen Kaffee süß. Daher die Bewegung im Spiegel.

Er sagt: „Der Kellner meinte, sie wären schon auf dem Weg von draußen herein. Und tatsächlich, da sind Sie ja. Hat er Sie beobachtet?“

Ich muss lachen. „Nein, das glaube ich nicht. Eher, dass er meine Gewohnheit kennt und die sprichwörtliche Zigarettenlänge gut einschätzen kann. Ich esse oft hier, wenn ich in Stuttgart bin.“ Die gut vorgewärmte dickwandige Tasse hat meinem Kaffee die ideale Trinktemperatur ermöglicht – ideal für mich, der ich ihn schwarz und ungesüßt mag.

Die Petits Fours lasse ich unberührt. Ich bin bereits satt und es erwartet mich noch eine Crème Catalane auf einem Erdbeer-Chili-Schaum. Mein Gast darf sich auf ein Stück Birnentarte nach Art der Demoiselles Tatin freuen. Der Ober ist mit den Nachspeisen bereits unterwegs.

Brettschneiders Tarte duftet überwältigend. Eine Wolke aus süß-säuerlichen Frucht- und dunklen Karamellaromen breitet sich über dem Tisch aus. Der eher feine Duft meiner flambierten Crème, die ja eine Schwester der bekannteren Crème brûlée ist, gerät trotz der Chili- und Erdbeernoten im Duell der in der Luft schwebenden Moleküle deutlich in die Defensive.

Ich trinke meinen Kaffee und löffle das leicht fluffige Dessert durch die feste, aber nicht harte Karamellschicht. Zimt und Karamell, verbündet mit einem Hauch Zitrusfrucht, vereinigen sich mit dem Mousse und dem im Mund verbliebenen Kaffeegeschmack zu einer süß-herben sinnlichen Raserei.

Was ist los? Brettschneider hat zwar an seinem Kaffee genippt, schiebt aber schnell und bestimmt den Teller mit der unberührten Birnentorte von sich. Ich sehe ihn fragend an: „Etwas nicht in Ordnung?“ Es überrascht mich, wie sehr mich sein unerwartetes Verhalten schockiert und … ja: bekümmert. Nach diesem wunderbaren Abendessen, jetzt in den letzten Minuten, gleichsam auf der Zielgeraden, dieser Tropfen Bitternis? Zugegeben, die Tarte hat er sich selbst ausgesucht, während er bei den bisherigen Gängen meiner Empfehlung gefolgt ist. Aber sie so rüde regelrecht beiseite zu wischen?

Mein Gast erwidert meinen Blick ernst. „Nein, Herr Reine, alles in bester Ordnung. Das Essen war fantastisch. Dass es mir mehr als geschmeckt hat, konnten Sie, glaube ich, sehen. Ich möchte jetzt nichts mehr. Ich bin gerade angenehm satt, der Kaffee rundet den Abend ab und ich möchte Ihnen gerne eine Geschichte erzählen.“

Was will er? Eine Geschichte? Jetzt? Mitten im letzten Akt? Vielleicht habe ich ihn ja überschätzt. Aber bitte: Dieses Abendessen ist zu seinen Ehren und wenn er Scheherazade spielen will, dann soll es so sein. Ich lächle höflich. „Eine Geschichte? Das klingt jetzt aber mysteriös. Bitte, erzählen Sie!“

„Es ist die Geschichte eines Mannes, nennen wir ihn Hans.“ Brettschneider leert seine Tasse jetzt mit einem großen Schluck und fährt fort: „Hans war ein Mensch, der sein Leben genoss. Reisen, Frauen, manchmal auch Männer, gutes Essen. Ein intensives, aber auch ein teures Leben. Sehr teuer! Aber Hans verdiente glücklicherweise auch sehr viel Geld. Er löste für andere Menschen Probleme und wurde hierfür fürstlich bezahlt.“

Worauf will Brettschneider hinaus? Die Richtung, in die diese Geschichte geht, gefällt mir nicht. Ahnt er etwas? Nein. Höchst unwahrscheinlich. Dann wäre er nicht mehr hier. Ein Bulle ist er sicherlich auch nicht, die spielen keine Spielchen. Ein Journalist vielleicht? In den Unterlagen, die mir Wassili hat zukommen lassen, steht aber, er sei Unternehmer. Maschinenbauer. Der Süße meiner Nachspeise fängt an, ins ekelhafte zu kippen. Ich schiebe die erst halb verzehrte Crème Catalane zur Seite und verschränke die Arme. Verdammt, was will er?

Brettschneider hebt den Blick über meinen Kopf hinweg. „Eines Tages bat ihn ein Mann, für ihn folgendes Problem zu lösen: Der Mann wollte sein Leben grundlegend ändern, war aber unglücklicherweise durch lebenslange Fesseln an sein bisheriges Leben gebunden. Hans sollte die Fesseln lösen und vernichten und ihn so für ein neues Leben befreien. Der Mann sagte Hans sogar, wie er sich diese Befreiung vorstellte. Doch Hans hatte seinen eigenen Kopf. Er löste die Fesseln zwar, vernichtete sie aber nicht, sondern nahm sie mit sich. Der Mann war darüber nicht sehr erfreut, wie Sie sich vorstellen können, nicht wahr, Herr Reine?“

Eine Hand greift nach mir. Die kalte, harte Hand der Angst. Sie greift in mich hinein und nimmt mir den Atem. Meine Stimme zittert, als ich erwidere: „Worauf wollen Sie hinaus?“

„Lassen Sie es mich so sagen: Herr Rispoli was not amused, als er herausfand, dass Sie ihm eine falsche Leiche untergejubelt und ihm seine Frau ausgespannt haben, anstatt dafür zu sorgen, dass sie für immer aus dieser Welt verschwindet.“

Elena! Mein Gott, nach fast acht Jahren … Was will dieser Rispoli denn? Er konnte doch wieder heiraten! Das war doch sein Ziel! Und was will jetzt dieser Brettschneider? Wenn er überhaupt so heißt … Ist der ganze Auftrag nur eine Falle, um mich dranzukriegen? Ruhig, Jacques. Panik bringt jetzt gar nichts. Hier im Restaurant wird er dir nichts tun.

Brettschneider bohrt seinen Blick in den meinen: „Süditaliener sind da eigen. Er wollte sie zwar loswerden, aber ein anderer sollte sie auf keinen Fall haben. Außerdem bereitet ihm die Vorstellung, seine immerhin ein halbes Jahr lang betrauerte, verstorbene Frau könnte wieder auftauchen, eine gewisse Paranoia. Nun. So hat er sich an einen Cousin gewandt, der in Deutschland lebt und der wiederum hat mich gebeten zu helfen.“

Er lacht. „Ich habe Ihnen etwas Ihres eigenen teuflischen Atems verabreicht. Ein paar Milligramm Scopolamin in ihrem Kaffee werden Sie in wenigen Minuten ganz folgsam machen.“ Weg hier, Jacques. Nur weg. Ich springe auf. Verdammt, warum stellt sich der Ober so demonstrativ vor die Tür, als wollte er mir den Weg blockieren?

„Bleiben Sie sitzen, Reine. Wenn Sie gehen, sind Sie so gut wie tot. Wenn Sie bleiben, kann ich Ihnen eine Alternative aufzeigen.“

Ich setze mich. „Ok. Welche Alternative?“

„In vierzehn Tagen soll ich liefern. Von diesem Essen weiß keiner der Herrschaften. Nur mein Freund Ruben dort an der Tür, der freundlicherweise heute für den plötzlich erkrankten Herrn Wagner eingesprungen ist, der normalerweise hier arbeitet. Ruben ist mein Schutzengel und hat vor allem aufgepasst, dass Sie ihr Spray in der Jackettasche lassen. Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass wir seit dem Hauptgang die einzigen Gäste sind? Das Lokal für den späten Abend zu mieten und eine eigene Servicekraft mitzubringen, funktionierte problemloser als ich dachte. Nur dass der Servicechef persönlich an den Tisch kommt, war nicht vorgesehen. Ist aber noch einmal gut gegangen, nicht wahr? Wir haben uns übrigens schon einmal kennengelernt.“

„Wir?“

„Ja Herr Reine. In einer recht protzigen Villa in Berlin. In Dahlem. Na, dämmert’s?“

Ich schüttele den Kopf.

„Ich sah natürlich etwas anders aus. Schwarze Locken, Ziegenbärtchen?“

Oh mein Gott! Natürlich. Sie nannten ihn nur den ‚Fleischer‘. Einer der teuersten und besten Kollegen nördlich der Alpen. Sogar die Amerikaner sollen schon seine Hilfe in Anspruch genommen haben. Der Fleischer! Warum habe ich ihn denn nicht erkannt? Wie konnte ich nur so blind und so dumm sein?

„Ja, jetzt dämmert es“, sage ich tonlos.

Brettschneider blickt zufrieden. „Doch zu meinem Angebot: Dieses Essen kann, wie gesagt, unter uns bleiben. Und ich gebe Ihnen zehn Tage Zeit, Ihre Zelte in Deutschland abzubrechen, sich Ihre Elena unter den Arm zu klemmen und irgendwohin zu verschwinden, wo ich Sie nicht finden kann. Wie klingt das für Sie?“

Was? Was will er? Will er mich laufen lassen? Kein Profi bricht einen angenommenen Auftrag ab. Nicht ohne einen triftigen Grund, der Ihn am Leben hält. „Warum?“

Brettschneider lächelt. „Ich habe selten jemanden getroffen, der die Welt und das Schöne, das sie uns jeden Tag bietet und insbesondere gutes Essen so zu schätzen und zu feiern weiß, wie Sie, Herr Reine.“ Er steht auf. „Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich muss meinen Auftrag vorbereiten. Zahlen Sie besser, bevor die Droge wirkt.“

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