Der Elektriker

Der Elektriker

Eine Zirkusgeschichte.

Ich hasse Zirkuszelte. Kein Platz, Gestank, Dreck. Vor allem hier unten, unter den Holzplanken. Und um halb fünf Uhr nachts ist es im September auch verdammt dunkel. Trotz Taschenlampe. Verfluchte Taschenlampe. Sie ist eigentlich viel zu groß, um sie mit den Zähnen ruhig halten zu können. Aber ohne sie sehe ich gar nichts. Also: zubeißen und den scheußlichen metallischen Geschmack ignorieren. Wie kann man auch auf die wahnsinnige Idee kommen, den Kasten mitten bei der Nacht installieren zu wollen! Ja, schon gut, ich seh’s ja ein: heute früh, zu den ersten Trainings, muss alles fertig sein. Aber trotzdem: ich bin müde, mir ist kalt und es ist dunkel. Ich möchte in mein Bett. Und es stinkt hier. Es stinkt nach altem, feuchtem Holz und nach den widerlichen Viechern, die täglich über dieses Holz gejagt werden und dort ihr Geschäft verrichten.

Wo ist der Kreuzschlitz? Ach, hier. Ok. Noch die zwei Schräubchen und das Gröbste hätte ich. So eine Pfuscherei, was die hier installiert haben! Es würde mich wirklich nicht wundern, wenn sie irgendwann einmal das ganze Zelt unter Strom setzen. Na ja, das Metallgerüst, meine ich. Oder den Boden, wenn sie wieder beim Putzen einfach kübelweise Wasser ausschütten. Ist ja auch bequemer so. Und wer interessiert sich dafür, ob ich es hier bequem habe? Verfluchte Zigeunerbande. Sollen sie doch alle einen Stromschlag kriegen! Die Idee mit dem Boden gefällt mir. Nein. Es würde nicht funktionieren. Normalerweise ist doch Sand auf dem Boden. Nur beim Auf- und Abbau werden die Planken geputzt. Schade. Ich hätte denen allen die unfreiwillige Tanzeinlage gegönnt.

Ich sollte mich nicht so aufregen. Das letzte, was diese Zirkusclowns verdient hätten, wäre, mir einen Schlaganfall zu bescheren. Und mein Arzt hat mich doch ausdrücklich vor unnötigen Aufregungen gewarnt. Ja, ich weiß: er hat auch gesagt, ich solle mit dem Rauchen aufhören, dann ging’s meinen Adern besser, und so weiter, bla, bla, bla. Ganz ehrlich? Dieser Gesundheitsscheiß ist mir vollkommen egal. Nein, das stimmt so nicht ganz. Er ist nicht mir egal, er ist egal. Er spielt keine Rolle. Wir sterben so oder so. Irgendwann sind wir alle tot. Und das Gemeine ist: niemand weiß wirklich ganz genau, wann er sterben wird. Noch nicht einmal ein zum Tode Verurteilter kann das mit letzter Sicherheit sagen. Jeder Mensch lebt nur im Moment. Der vorherige Augenblick ist unwiederbringlich vorbei und die Zukunft … wie gesagt: der nächste Moment muss nicht unbedingt Realität werden. Die meisten Menschen ignorieren diese Tatsache. Ich find sie das Beste am Leben überhaupt. Ich kann tun was ich will, muss nichts bereuen, da ich die Vergangenheit eh nicht ändern kann. Und ich muss mir nie Sorgen machen, da ich nicht die geringste Ahnung habe, ob ich überhaupt lange genug am Leben sein werde, dass die Sorgen berechtigt wären.

Es heißt immer, Zirkusleute wären die Meister im sorglosen In-den-Tag-leben. Heute hier, morgen dort, ein lebensgefährlicher Beruf – jedenfalls für einige dieser Menschen – und wenig soziale Bindungen außerhalb ihrer Zirkusfamilie. Das klingt wirklich so, als hätten sie die besten Voraussetzungen dafür, ihr Leben richtig zu leben. Ich glaube aber, diese Leute werden maßlos überschätzt. Dieser Trapezartist – Giorgio, Giovanni, Giulio – irgendwas Italienisches mit Dsch am Anfang – warum macht er das, was er macht? Er hätte doch genauso gut Bäcker werden können oder Eisverkäufer. Sind nicht alle Italiener Bäcker oder Eisverkäufer? Nein, wohl nicht. Ein paar Elektriker wird es dort ja wohl auch geben. Außerdem ist er wahrscheinlich eher Piefke als Italiener. Sein Nachname klingt so gar nicht wie Sonne, Strand und Meer. Pachow, glaub ich. Ja, Dsch-dingsda Pachow. So stand es in der Zeitung und so steht es auf dem Plakat. Also: warum schwingt sich der Herr Pachow Abend für Abend wie ein lebensmüder Adrenalinjunkie auf Entzug über diese stinkenden Holzplanken mit der dünnen Sandschicht oben drauf? Weil er den Beifall genießt, den Ruhm? Weil es ihn ausfüllt? Weil er darin seinen Sinn sieht? Weil es sein Leben ist? Bullshit! Blödsinn! Es gibt keinen Sinn. Es ist jedenfalls sinnlos, danach zu suchen oder auch nur darüber nachzudenken. Wenn das Leben irgendeinen Sinn haben sollte, wird er sich uns ganz sicher nicht erschließen. Doch diese Artisten müssen offenbar so etwas glauben. Sonst würden sie wohl nicht so einen schlecht bezahlten, lebensgefährlichen Job machen. Mir ist das jedenfalls unbegreiflich. Ich sollte diesen Pachow mal fragen. Ach nein, das wird wohl nicht mehr möglich sein.

Warum bin ich eigentlich Elektriker geworden? Ist doch auch ein Scheißjob, jedenfalls heute Morgen, hier unten in der dunklen, stinkenden Enge. Und sonderlich gut bezahlt werde ich nun in der Regel wirklich nicht … Hmm, stimmt. Aber – ich sollte mich nicht mit all diesen Sinn-bewegten in einen Topf schmeißen, es gibt da nämlich einen großen Unterschied: Ich weiß, dass es keinen tieferen Grund dafür gibt, dass ich Elektriker bin. Keinen dafür, dass ich jetzt hier bin und diesen blöden Kasten montiere. Es gibt noch nicht mal einen dafür, dass ich überhaupt bin. Mein Job ist genauso sinnlos wie der ihre und mein Leben ist genauso sinnlos wie das ihre. Nur: ich weiß das. Und sie da oben werden es bald erfahren.

So, der letzte Draht ist verbunden. Jetzt nochmals alles überprüfen … passt. Lieber zweimal checken. Wenn das Ding erst einmal läuft, dann läuft es, wenn ich aber etwas falsch gemacht habe, dann krieg ich ganz schön Druck vom Boss. Nicht dass mir der Druck etwas ausmachen würde. Aber wenn ich Ärger so einfach vermeiden kann, dann mach ich das auch. Alles klar. Die Arbeit – meine Arbeit – ist in Ordnung. Dann legen wir mal den Schalter um und nichts wie weg, bevor das Ding hochgeht oder mich jemand vom Zirkuspack bemerkt. Viel Spaß heute Morgen, liebe Artisten! Auf dem kleinen Display hier könntet ihr eure verbleibende Lebenszeit ablesen. Wenn ihr nur wüsstet, was da jetzt unter eurem Dreckszelt auf euch wartet. Falls ihr überhaupt lesen könnt!

Zack. Es läuft. Ich bin gut. Ich bin … scheiße … das passt nicht. Der Timer passt nicht. Fünf Stunden hatte der Boss gesagt, nicht zehn Minuten. Die verdammte Bombe sollte um dreiviertel zehn explodieren und mit ihr dieses Zelt und alle, die sich dann darin und darum befinden. Was soll das denn? Ich hab doch nichts falsch gemacht, hab alles korrekt angebracht und angeschlossen. Ist ja ein genialer Einfall vom Boss gewesen, die zelteigene Elektrik zu verwenden. Das lässt mehr Platz für Sprengstoff, ohne die Bombe zu unhandlich werden zu lassen. Schließlich musste ich sie kriechend unter dieses stinkende Zelt bugsieren unter dem ich liege. Und ich sollte hier dringend raus. Neun Minuten hab ich noch. Zwei Meter rückwärts schlängeln, dann ist Platz zu wenden und ich kann den Rest vorwärts kriechen. Und dann rennen. So schnell und so weit es geht, bevor es knallt. Das müsste doch zu schaffen sein. Aber den Boss werde ich wohl ernsthaft fragen müssen, was er sich dabei gedacht hat. Ich könnte draufgehen dabei! Hätte ich die Zeitschaltuhr nur selbst verbaut! Das wird mir eine Lehre sein. Kein zweites Mal! Nicht mit mir!

Scheiße. Was ist das denn nun wieder? Die Jacke hängt fest. Mit Gewalt … eins … zwei … drei! Immer noch. Verdammt.. Verdammt! Ausziehen. Bevor die Zeit immer weiter verrinnt. Geht nicht. Es ist so eng hier. Zu eng. Und diese Taschenlampe. Ich sollte sie einfach ausspucken. Vielleicht geht’s dann ja. Aber nein. Dann sehe ich ja überhaupt nichts mehr.

Ich will aus dieser scheiß Jacke raus. Ich will hier raus. Das darf doch nicht wahr sein. Ich hänge hier wirklich fest! Irgendwie habe ich es ja geahnt. Nachts, im Dunkeln, hier unten in der Enge, im Gestank. Das konnte ja nichts werden. Nichts Gutes jedenfalls. Nichts Gutes für mich.

Vier Minuten noch. Jetzt komme ich sowieso nicht mehr rechtzeitig weg. Da kann ich genauso gut hier liegen bleiben und warten. Und endlich dieses metallene Ungetüm in meinem Mund loswerden. Das Rumhampeln und An-der-Jacke-zerren bringt nichts, außer Schmerzen in den Gelenken und falsche Hoffnung. Hoffnung … ja, Hoffnung. Doch worauf? Auf eine leere Existenz? Darauf, weiter auf den Tod zu warten? Da wäre sie wieder, die gute alte Sinnfrage oder besser: die Sinnantwort. Ich hänge fest, knapp zwei Meter von einer Bombe entfernt, die sinnlosen Tod bringt, was mir bei anderen sicher egal ist, sonst wäre ich nicht hier. Und bei mir? Ist mir das auch egal? Ja. Ist es. Es ist mir egal. Und es ist irgendwie komisch. Sterben wegen eines sinnlosen Fehlers … hm … wirklich ein Fehler? Na ja, vielleicht sogar Absicht vom Boss, aber dennoch sinnlos, jedenfalls für mich.

Zwei Minuten. Zwei Minuten, die die Leere auch nicht mehr füllen werden. Nichts in dieser Welt wird diese Leere füllen können. Vielleicht der Tod? Nur, wenn danach etwas käme. Aber da kommt nichts. Nur weiteres Nichts. Scheiß Tod. Scheiß Leben. Irgendwie gut, dass es gleich vorbei ist. Ich hasse dieses Leben. Ich hasse diesen Tod. Und ich hasse Zirkuszelte!

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